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Andreas Braun

 

"Grüner Blick nach vorn"

 

Es ist viel passiert, seit wir uns das letzte Mal auf einem Parteitag getroffen haben: Das war im Dezember letztes Jahr in Backnang, ein Vierteljahr nach der Bundestagswahl, die wir so nicht wollten und die uns aus der Regierungsverantwortung gewählt hat, ein Vierteljahr vor der Landtagswahl, bei der wir gemeinsam ein großartiges Ergebnis erreichen und die Fraktion fast verdoppeln konnten.

 

Zum Blick nach vorn gehört ein kurzer Blick zurück: Vor allem, natürlich, auf die Landtagswahl.

 

Mir geht es manchmal so, dass ich, wenn ich in Fußgängerzonen unterwegs bin, zähle: Jeder Achte hier im Land hat bei der Landtagswahl Grün gewählt.

 

Jeder Achte hier im Land hat seine Stimme für „Jetzt aber grün“ abgegeben, jeder Achte hier im Land hat dafür gesorgt, dass „Jetzt aber Grün“ umgesetzt werden konnte durch eine Verdopplung der Mandate im Landtag, jeder Achte hier im Land hat mit seinem Kreuz auf dem Wahlzettel einen Beitrag dazu geleistet, dass wir drittstärkste Fraktion geworden sind und dass der Ministerpräsident bei der Regierungsbildung an uns zumindest nicht vorbeigekommen ist.

 

Dafür an dieser Stelle nochmals allen Beteiligten ein herzliches Dankeschön!

 

Wir haben, ihr erinnert euch sicherlich, zwei Sondierungsrunden mit Herrn Oettinger gehabt und Themen der Landespolitik abgeklopft.

 

Und es ist keine Floskel, wenn wir auch heute noch sagen, dass diese Gespräche nicht nur in guter und konstruktiver Atmosphäre stattgefunden haben, sondern dass diese Gespräche nützlich waren.

 

Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass wir viel mehr über die CDU und ihre inhaltlichen Positionen, auch ihre kulturelle Identität wissen als die CDU über uns.

 

Wir haben auch festgestellt, dass unsere Verhandlungspartner – nicht der Ministerpräsident, übrigens – im Gegenteil immer noch voller Vorurteile sind und ein Bild von uns im Kopf haben, das den Realitäten nicht entspricht und wahrscheinlich nie entsprochen hat: Die Verhinderer, die Blockierer.

 

Wir haben zeigen können, dass wir dieses Land mitgestalten wollen, und ich meine, dass davon einiges in der landespolitischen Auseinandersetzung im letzten halben Jahr schon spürbar geworden ist.

 

Wichtig für uns war das Vertrauen, das wir aus der Partei gespürt und bekommen haben: Das Vertrauen, dass wir hart, aber offen für unsere Inhalte in diesen Sondierungsgesprächen werben und kämpfen. Und das Vertrauen, dass wir, wo notwendig und sinnvoll, auch ein „Bis hier her und nicht weiter!“ sagen können. Genau das nämlich haben wir getan.

 

Wie’s ausgegangen ist, wissen wir alle: Das zarte Pflänzchen des Dialogs wurde von CDU-Fraktionschef Mappus selbstherrlich und auch gegen den Ministerpräsidenten kaputtgetreten, bevor es überhaupt die ersten Blätter entrollen konnte.

 

Schade, einerseits – und andererseits: Macht nix.

 

Wir machen jetzt im Landtag das, was wir auch können: Opposition. Und wir sind das, was wir schon immer sind: Premium-Opposition.

 

Die FDP ist abgetaucht – sie existiert nicht und ist nicht mal mehr eine virtuelle Partei im Land. Oder weiß noch jemand, dass es einen Wirtschaftsminister gibt, dem mal eben von außen, nämlich aus dem Staatsministerium, sein gesamter Laden umstrukturiert wurde, ohne dass er davon wusste?

 

Die Partei- und Fraktionsvorsitzende der SPD heißt Ute Vogt – bis jetzt nicht in der Landespolitik angekommen, steht sie einem zerstrittenen und frustrierten Haufen vor. Ein zerstrittener und frustrierter Haufen mit der Strahlkraft einer abgelegten Wollsocke – das ist die SPD im Land.

 

Die Schonfrist des Ministerpräsidenten ist vorbei – weit über ein Jahr nach seinem Amtsantritt ist er immer noch nur das, als was er vorher galt: Ein Ankündigungs-Ministerpräsident. Ein Ministerpräsident ohne standing in Berlin. Ein Ministerpräsident, der sich schwarz-grüne Sondierungsgespräche von seinem Fraktionschef – unsanktioniert – versauen und sich damit vorführen lässt.

 

Ein Ministerpräsident, der einen Gegenpart braucht, der ihn treibt, der ihn immer wieder politisch stellt, auf Defizite hinweist und Gestaltungsoptionen aufzeigt.

 

Dieser Ministerpräsident braucht die grüne Fraktion und die grüne Partei – und diese Rolle und diese Herausforderung nehmen wir doch gerne an!

 

Wie immer gibt es Neider und Kritiker, nicht nur aus den anderen politischen Lagern: So war in einer nicht unbedeutenden in Stuttgart erscheinenden Tageszeitung unlängst folgender Satz zu lesen:

 

„Zu Schwarz-Grün übrigens schwieg er – gemeint ist Oettinger – vernehmlich. Was vielleicht daran liegt, dass führende Grüne sich derzeit in einer Art der CDU an den Hals werfen, die selbst bei Experimentierfreudigen unter den Konservativen Betretenheit auslöst.“

 

Ich weiß nicht, in welcher Welt der Schreiber dieser Zeilen lebt und was er darin wahrnimmt.

 

Ich weiß und nehme war, dass die härtesten, fundiertesten Auseinandersetzungen in der Landespolitik zwischen uns und der CDU stattfinden. Wir werfen uns denen also nicht an den Hals, sondern gehen mit denen in den Boxring – und das Schöne dabei ist: Wir gewinnen diese Kämpfe in der Regel, weil unsere Art, die Auseinandersetzung zu führen, von der Regierungspartei ernstgenommen wird.

 

Was also könnte uns besseres passieren?!

 

Ich bin sicher, dass diese Form der harten, fundierten und übrigens auch grundsätzlich von allen Seiten fair geführten Auseinandersetzung gut ist, richtig ist und uns und das Land weiterbringt.

 

Und deswegen ist das mein erster Appell an uns, wenn wir den Blick nach vorne wagen: Lasst uns die erarbeitete Rolle, aus der Mitte der Gesellschaft für die Menschen, für das Land Politik zu machen, weiter spielen und weiter ausarbeiten. Und lasst uns weiter alles daran setzen, dieses Land, Politik in diesem Land, zu gestalten – sei es aus der Opposition heraus, sei es aber auch als Regierungspartei.

 

 

Mein zweiter Appell beim Blick nach vorne: Lasst uns unsere Inhalte schärfen, und lasst uns die Glaubwürdigkeit unseres Handelns immer wieder als Leitmotiv über unsere Arbeit stellen. Wir leisten auf diesem Parteitag einen weiteren wichtigen Schritt beim Schärfen unserer Inhalte: Ökologie ist in allen ihren Facetten das entscheidende Kern- und Zukunftsthema nicht nur für die Grünen, nicht nur für Baden-Württemberg, nicht nur für Deutschland. Ökologie und darin vor allem Klimaschutz ist ein Überlebensthema für die Menschheit geworden. Und Ökologie, richtig praktiziert und umgesetzt, ist der Garant für wirtschaftliche Prosperität auf Dauer gerade in Baden-Württemberg und Deutschland.

 

Glaubwürdig sein heißt für mich, dabei übers richtige Ziel nicht hinauszuschießen: Auch wir haben keinen ökologischen Heiligenschein, auch wir sind mobil, auch wir Grüne verbrauchen Ressourcen. Deswegen kann es nicht darum gehen, Ökologie als heile Welt und im Gegensatz zur vermeintlich schlimmen Realität zu definieren – im Gegenteil: Ökologie und ökologisches Leben und Arbeiten ist als Teil unseres Alltags, als gelebte und lebbare Realität zu definieren. So bleiben wir, so bleibt unsere Politik glaub-würdig für die Menschen.

 

Zweiter Inhalt, um den es geht und mit dem wir uns hier auf dem Parteitag auch beschäftigen: In den sieben Jahren rot-grün in Berlin haben wir heftig um Reformen in der Sozialpolitik gerungen. Wir sehen heute, dass wir auf dem richtigen Weg waren und sind, wir sehen aber auch, dass es weitergehen muß und dass wir die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik weiterentwickeln müssen. Deswegen ist es richtig, dass wir die Diskussion um Mindeststandards in der Sozialpolitik vorantreiben, insbesondere die Diskussion um die Grundsicherung.

 

Aus meiner Sicht stehen wir hier am Anfang der Debatte und sind immer noch in der Phase der Begriffsklärung. Was ist mit Grundsicherung gemeint? Um wen oder was geht es? Ist es nicht merkwürdig, dass diese Begrifflichkeit von ganz unterschiedlichen politischen Lagern gebraucht wird?

 

Wer, wenn nicht wir, sollte diese Debatte führen? Wer, wenn nicht wir, sollte einen Ort geben für die notwendige und qualifizierte Auseinandersetzung um die Zukunft des Sozialstaats und dabei aus Erfahrungen lernen, Perspektiven entwickeln und das Machbare denken und formulieren?

 

Also: Inhalte schärfen und Vorreiterrolle übernehmen.

 

 

Mein dritter Appell beim Blick nach vorne: Lasst uns unsere Strukturen weiterentwickeln, lasst uns eine Strukturreform machen, die sich nicht an Symbolen festmacht, sondern an dem, was diese Partei braucht. Und lasst uns endlich durch eine strukturierte Personalentwicklungspolitik das Potenzial an Menschen, die Kompetenz der Menschen, die in unserer Partei aktiv sind, nutzen.

 

Wir haben dazu in den letzten Jahren einiges geleistet: Wir haben Regionalstrukturen geschaffen, innerhalb derer wir unterschiedliche Modelle regionaler Kooperationen ausprobiert haben. Und wir haben diese Erfahrungen weitergegeben. Wir haben jetzt zwei Traineeprogramme abgeschlossen und das dritte aufgelegt, in denen wir Wissen über unsere Partei und sicherlich auch Motivation vermitteln konnten.

 

Im übrigen, und diese Bemerkung sei mir gestattet: Das als Trockenschwimmerei zu bezeichnen, trifft nicht. Es ist die höchste Aufgabe der Parteivorsitzenden, die Organisation zu stärken und zu entwickeln, um überhaupt die Voraussetzungen für inhaltliche Aufschläge schaffen zu können.

 

Also: Nach meiner Auffassung drehen sich die wirklich wichtigen Strukturdebatten, die wir zu führen haben, nicht um Doppelspitzen oder Amt und Mandat – die wirklich wichtigen Strukturdebatten gehen um Partizipation, also Beteilung der Mitglieder, Ernstnehmen der Mitglieder und ihrer Kompetenz und Schaffung von Freiräumen für die Entfaltung von Kreativität in unserer Partei.

 

 

Laßt es mich zusammenfassen: unser grüner Blick nach vorn muß in drei Richtungen gehen:

 

  1. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und haben eine Gestaltungsaufgabe für diese Gesellschaft.

  2. Es ist notwendig, unser inhaltliches Profil immer wieder zu schärfen und am Kriterium der Glaubwürdigkeit zu messen.

  3. Beteiligung und Personalentwicklung, Kompetenznutzung und Nutzen des Kreativitätspotenzials in unserer Partei sind Zukunftsaufgaben, die wir bereits begonnen haben.

 

 


Irmgard Zecher - Abschiedsrede für Andreas Braun


Lieber Andreas,

 

als ich Dich kennenlernte, saßen wir ,- die Redaktionsmitglieder der Grünen Blätter -  in Deiner Küche in Mössingen und waren am Überlegen, wie wir zu mehr Abonnenten kommen könnten.

 

Über uns hing das Damoklesschwert, das unser damaliger Schatzmeister Siggi bei jeder Gelegenheit  in Erinnerung brachte.

 

Wir waren alle verliebt in unsere Zeitung und suchten Mittel und Wege, trotzt aller Widerstände sie am Leben zu halten.

 

Meine Idee,  mit  einer Klatschspalte mehr Leserinnen und Leser zu bekommen, wurde begeistert aufgenommen und Du hattest gleich einen passenden Namen dafür: „Trödelmarkt „.

 

 

Diese damalige Blitzidee hat uns viele Jahre zusammengeschweißt . Wie oft hast Du mich angerufen: Du, ich hab Dir was.

 

Du warst so herrlich jung. So unbekümmert, flapsig, schlecht angezogen, aber liebenswürdig !

 

 

Etwa fast um die gleiche Zeit hatte mein Zwetschgenbaum in meinem Garten  so viele Früchte, dass ich nicht mehr wusste, was damit anzufangen. Verwandte und Bekannte waren alle versorgt, sämtlich Gläser mit Marmelade und Kompott gefüllt und auch die Vögel wollten nichts mehr von Zwetschgen wissen.

 

 

„Schlag sie doch ein !“ war Dein Rat, „da kannst Du einen herrlichen Schnaps brennen lassen..   Du stellst ein großes  Fass in den Keller, gibst die Zwetschgen hinein, deckst zu und lässt es erst mal stehen.“

 

„Und dann ?“  „ Ja, dann komme ich und helfe Dir, das Fass aus dem Keller zu holen in die Brennerei.

 

 

Das war vor genau 18 Jahren . Das Fass steht immer noch in meinem Keller ! Gut zugedeckt mit  Ziegelsteinen auf dem Deckel.  Und wenn jemand aus der Familie oder jemand Fremder in den Keller geht, heißt es immer:

 

Vorsicht, da steht ein Fass mit Zwetschgen, den Deckel bitte nicht aufmachen, es könnte eine Explosion geben.+

 

 

Mein Gott, waren das schöne Zeiten – ohne die Last der Vorstandschaft. Ohne die Pflicht, etwas Gescheites sagen zu müssen.

 

Wie oft haben wir geblödelt bei den Redaktionssitzungen, ob in der Geschäftstelle oder bei mir zu Hause bei Kartoffelsalat und Käsekuchen.

 

Und erst unsere Klausuren ! Auf der schwäbischen Alb, wo wir es fertig brachten, dass uns der Wirt gar keine Rechnung mehr stellte, weil er selber nicht mehr wusste, wie viele Schnäpse er mit uns getrunken hatte  .

 

 

Einmal, es war im Jahr 1990 – ich kam von einem Aufenthalt aus Nepal zurück und hatte mir dort das Rauchen abgewöhnt. Ich war schon 70 Jahre alt und hatte entsetzliche Angst vor Lungenkrebs.

 

Bei der anstehenden Redaktionssitzung war ich voll des Lobes, wie schön es ist, auf eine Zigaretten verzichten zu können, morgens nicht gleich mit einem Husten aufzustehen, und dabei noch  viel Geld sparen  zu können.

 

Meine Freundinnen und Freunde, rauchumhüllt, so dass man die Luft hätte schneiden können ,hörten mir aufmerksam zu, nickten zustimmend mit dem Kopf : „ Ja, Du hast ja so recht , liebe Irmgard, wir werden das auch so machen – wenn wir 70 sind.“

 

 

 

Ulm, im April 1999, Nach zweijähriger erfolgreichen ;Mitarbeit im erweiterten Landesvorstand  wolltest Du es genau wissen und  tratst an die Stelle von Reinhard Bütikofer, das heißt, an die Spitze der Baden-Württembergischen Grünen

 

als Landesvorsitzender.

 

Du bist gewissermaßen ins kalte Wasser gesprungen, denn  Reinhard hatte immerhin einige Jahre Parlamentsarbeit im Landtag hinter sich.

 

 

„Wenn das mal gut geht „, hat damals manche und mancher gedacht, auch ich   . Du warst immer noch flapsig, unbekümmert und schlecht angezogen..aber liebenswürdig

 

 

Aber –Du hast Dich gebessert !  Ob das an den  4 Frauen , Deinen CO Vorsitzenden , gelegen hat?

 

In sieben Jahren vier Frauen verschleißen, dienstlich  natürlich., das war schon eine Leistung ° Der Einzige, der immer treu und brav an Deine Seite ausgehalten hat, war und ist unser Schatzmeister Harald. Und ich natürlich.

 

Dein Vorgänger, unser jetziger Bundesvorsitzender hat Dir ja dabei eine Vorhand gegeben. Zusammen mit Inge Leffhalm, der damaligen Geschäftsführerin, wurde ich zur Alterspräsidentin gekürt und  es blieb Dir nichts anderes übrig, als mich zu akzeptieren. Langsam aber sicher wurden Deine Klamotten besser und meine missbilligenden Blicke schwächer.

 

Mit dem Verschwinden Deiner Haarpracht wurde Dein Kopf freier und die Weisheit des Älterwerdens trat, zumindest nach außen hin , zu Tage.

 

 

Dass Du aber trotzdem der alte, liebenswerte Andreas geblieben bist, zeigte sich, als wir , die ganze Partei, unser 25 jähriges Jubiläum feierten.

 

Im strahlend weißen Anzug kamst Du bei der Modenschau die Treppe herunter – eigentlich solltest Du ja  den Rezzo imitieren, aber nein, Du warst Du selber ! Ganz Andreas Braun, mit einem fröhlichen  Herzen und einem strahlenden Gesicht, der Andreas Braun, den man einfach lieb haben muss.

 

 

Lieber Andreas, Du hast, immer in Zusammenarbeit mit Deiner jeweiligen Co-Vorsitzenden, der Partei ein Gesicht gegeben. Wir alle haben Dir unendlich viel zu danken, für Deine Arbeit, Deinen Einsatz, Deine Gedanken und Deine

 

Fähigkeit, alles in der Waage zu halten.

 

Du wirst uns sehr fehlen, besonders mir.

 

Ohne jetzt die Fähigkeiten  unseres neuen Vorsitzenden schmälern zu wollen:  Er wird es schwer haben, den Status zu erreichen, den  Du Dir buchstäblich mit allem, was ein Körper und Geist hergeben kann, erarbeitet hast.

 

 

Wir wünschen Dir alles Gute. Bleib uns erhalten als Freund und Berater, Dein Schutzengel begleite Dich auf guten Wegen. Wege, die manchmal auch einen großen Bogen machen können, bevor Du selber merkst, wo Du hingehörst.

 

 

 

Bad Krozingen, 10.11.06


 Sylvia Kotting-Uhl - Abschiedsrede für Andreas Braun


Diese Rede ist eine der seltenen schönen Gelegenheiten bei der man nicht um etwas oder gar gegen etwas oder etwa gar gegen jemanden kämpfen muss. Es ist eine Abschiedsrede, eine Laudatio und manchmal stellt einem eine solche schöne Gelegenheit mal nicht kämpfen zu müssen durchaus auch vor ein Problem – nämlich die manchmal schwierige Überlegung, was gibt es denn an dem Kerl zu loben? Sowas kann je nach Person und Situation schon eine beschwerliche Suche sein. Bevor sich jetzt die Befürchtung breit macht diese Laudatio könnte völlig in die Hose gehen – ich kann euch beruhigen, ich habe etwas gefunden.

 

Aber vorher vielleicht die Frage: warum ich? Die Frage ist in diesem Fall fast so leicht zu beantworten wie die „was gibt es an dem Kerl eigentlich zu loben?“ Andreas war 7 ½ Jahre Landesvorsitzender. Das ist unerreicht – nicht nur in unserem Landesverband, sondern bundesweit bei den Grünen. Die Frauen an seiner Seite hatten – ich rede jetzt mal nur von der Quantität der Leistung – da deutlich weniger zu bieten. Andreas pflegte zu mir gern mit einem leicht drohenden Unterton in der Stimme zu sagen, er habe vor mir schon 2 Frauen „verschlissen“ – die Co-Vorsitzende wechselte, aus Sylvia wurde Petra, der Spruch blieb, die Zahl änderte sich: jetzt hatte Andreas 3 Frauen „verschlissen“. Die Frauen an Andreas grüner Seite teilten sich die 7 ½ Jahre: Monika 2 Jahre, Renate 2 Jahre, ich 2 ½ Jahre und Petra – diejenige die den Unverwüstlichen jetzt überlebt – 1 Jahr. Daraus ergibt sich selbst für mathematisch unbegabte Schöngeister wie mich: die meiste Zeit hat er mit mir verbracht. Wobei um der Wahrheit die Ehre zu geben: die Frau mit der Andreas tatsächlich die meiste Landesvorsitzenden-Zeit verbracht hat, ist Annette Schäfer. Doch da Annette wie immer so auch heute die Aufgabe übernimmt im Hintergrund dafür zu sorgen, dass die Dinge nicht aus dem Ruder laufen, war es mir ein Leichtes, das Recht auf diese Laudatio für mich zu beanspruchen.  

 

Andreas Braun, im guten mittleren Alter, nicht der Wollsocken- und Müsli-Gründer-Generation angehörend und von daher gar kein Abgrenzungsproblem gegenüber Anzug- und Krawatten-Trägern – nur unsere Modezarin Irmgard schluckte manchmal, wenn beim Ausziehen eines recht akzeptablen Jacketts – dass die demonstrierte Beherrschtheit bisweilen eine rein äußere ist, zeigt sich daran, dass es Andreas heiß wird – wenn also das Ablegen des akzeptablen Jacketts ein kurzärmliges Hemd zum Vorschein brachte, dann wurde Andreas die Situation wieder erträglicher und Irmgard schluckte.

Andreas Braun, um die 1,90, sozusagen ein Leuchtturm unter den Grünen, mit der Größe weniger, aber immer wieder mal mit dem Gewicht kämpfend – viel unauffälliger als ein anderer bekannter Grüner, dessen exzessive Gewichtsschwankungen selbst die Politik nicht unberührt ließen – Andreas hat bei aller Freude, wenn die Waage ihm freundlich entgegen lächelt, außer Terminproblemen selten etwas gegen eine Einladung zu einem guten Essen einzuwenden. Da der Braunsche Terminkalender ab jetzt mit Hoffnung ein paar mehr Lücken aufweist, ist das vielleicht ein guter Tipp für all diejenigen die ihm noch etwas zu danken haben.

 

Und das haben wir eigentlich alle. Andreas hat das Amt von Reinhard Bütikofer übernommen, der nach 1 ½ Jahren nach Berlin wechselte. Fliegende Wechsel waren in früheren Jahren an der Tagesordnung. Annette Schäfer hat die Kontinuität des Landesverbandes einmal so markiert: Landesvorstände kommen und gehen, die LGS bleibt. Andreas hat der nicht hoch genug zu lobenden Kontinuität der LGS die Kontinuität eines Landesvorsitzenden an die Seite gestellt. Und das hat - auch wenn Demokratie vom Wechsel lebt – seine Vorteile. Andreas hat sich um die Strukturen der Partei gekümmert und bei diesen langwierigen Prozessen macht es Sinn, wenn der Blick dessen der etwas verändern will, nicht alle zwei Jahre wechselt. Andreas hat die Satzung bereinigt und reformiert. Nur an Amt und Mandat ist er wie alle vor ihm gescheitert. Da beweist dieser Landesverband ein erstaunliches Beharrungsvermögen.

Andreas hat – um nur zwei Eckpunkte zu nennen - das Konzept der Trainees ebenso auf den Weg gebracht und in die Tat umgesetzt wie die Idee der Regionalbüros. Er hat den Landesverband beobachtet, Probleme analysiert, moderiert und den Laden mit all seinen Ecken, Kanten und unterschiedlichsten Personen zusammen gehalten. Auch das Zusammenraufen vor der letzten Landtagswahl mit einem Spitzenkandidaten dessen heraus ragende Eigenschaft nicht die Pflegeleichtigkeit ist, erforderte einiges dieser Fähigkeiten – analysieren, moderieren, zusammen halten – und führte etliche Male zum hektischen Ausziehen des Jacketts.

 

Unerreicht – ich kenne jedenfalls niemanden, bei dem das genauso wäre – ist seine Fähigkeit und Bereitschaft erreichbar zu sein. Für jede und jeden zu jedem Problem ansprechbar zu sein – das kostet Zeit, die in Andreas Leben der letzten Jahre nicht zu den unbegrenzten Ressourcen gehörte. Sie sich trotzdem immer irgendwie zu nehmen – dafür dass das für dich selbstverständlich war, hast du, Andreas, auch deinen ganz persönlichen Preis bezahlt. Du hast das Amt des Landesvorsitzenden in einem Ausmaß und mit einem Engagement ausgefüllt, das es jetzt notwendig machte nach fast 8 langen Jahren endlich mal auf die Bremse zu treten. Das Innehalten tut dir hoffentlich gut und wir werden uns – hoffentlich - daran gewöhnen.

 

Der Landesvorsitz ist nicht das dankbarste aller Ämter. (ja, ich weiß, im Saal befinden sich drei hoffnungsvolle Kandidaten – aber man kann ja auch mal vorher erfahren was auf einen zukommt.) Für Wahlergebnisse eher dann verantwortlich, wenn sie schlecht sind, für den Gefühlszustand von Mitgliedern eher dann, wenn sie unzufrieden sind, macht der typische Landesvorsitzende Presseerklärungen in Situationen wo er es besser lassen sollte und versäumt sie zu machen wo es dringend geboten wäre. Dafür dass er zum falschen Zeitpunkt von schwarz-grün redet, bekommt er von der Fraktion Prügel – dafür, dass er überhaupt von schwarz-grün redet, von der Partei. Redet er zu lange gar nicht von schwarz-grün, verhöhnt ihn die Presse. Hat er eine andere Meinung als die Fraktion ist er ein Querulant. Hat er keine andere Meinung ist er ein Waschlappen. Lässt er seiner Co-Vorsitzenden öfter den Vortritt ist er zu schwach, kommt er mindestens genauso oft vor, unterdrückt er sie. Greift er nach einem Mandat, hört er er habe den Landesvorsitz wohl nur als Sprungbrett benutzt – greift er nicht, hört er aus ihm werde wohl nichts mehr. Und alle scheinen in dem Moment zu übersehen was er bereits ist.

 

Der Landesvorsitz ist nicht das dankbarste aller Ämter, aber eines der verantwortungsvollsten, eines der von den Aufgaben her umfangreichsten, eines von den abverlangten Qualitäten her am forderndsten, eines der schwierigsten und eines der schönsten Ämter. Wer es 7 ½ Jahre lang inne hat, fast jedes Mitglied das sich bei Kreisversammlungen blicken lässt beim Namen kennt, diesen Hühnerhaufen von Grünen geschlossen in Wahlkämpfe führt, in Zeiten in denen andere Landesverbände verlieren Wahlerfolge einfährt, Wochen und Monate für die Partei Stress pur lebt – und das alles FAST ohne zu klagen, nur mit der einen und anderen Zigarette mehr – der muss weder sich noch irgend einem anderen Grünen noch irgend etwas beweisen.

 

Andreas, du hinterlässt große Fußspuren – und das liegt nicht an deiner Schuhgröße 49. Du hinterlässt eine Lücke an Professionalität die auszufüllen jeden Nachfolger erstmal vor ein Problem stellen wird. Vielleicht liegt es ja daran, dass alle Kandidaten für deine Nachfolge Zeugen fanden, die ihnen dieses Amt erstmal nicht zutrauten. Wir schließen die Ära Landesvorsitzender Braun heute ab – und geben den Bewerbern um deine Nachfolge die Chance eine neue Ära zu eröffnen mit jedem Recht Anfangsfehler zu machen und auf ihre ganz persönliche Weise das Amt auszufüllen und ihm eine neue, eine andere Kontur zu geben.

 

Dir geben wir heute ein Stück Freiheit zurück. Ein Stück Lebensraum für einen neuen Lebensabschnitt. Wir sind gespannt was du damit machen wirst und wie weit du dich von uns entfernst. Ob du uns nachsichtig lächelnd beobachten wirst, ob du nach einer Erholungsphase eine neue Rolle einnimmst oder ob du uns ganz abhanden kommst. Wir können dir heute für die Zeit die vor dir liegt nur alles Gute wünschen. Für die 7 ½ Jahre die hinter dir liegen, gibt es nur ein Wort: Danke.


Abschiedsrede Andreas Braun

  

Liebe Freundinnen und Freunde,

 

 

„Es sind nicht immer die Lauten stark, obwohl sie lautstark sind – es gibt so viele, denen das Leben ganz leise viel echter gelingt“.

 

Mit diesem Zitat meines geliebten Konstantin Wecker, der mich seit über 25 Jahren musikalisch und politisch, vor allem aber persönlich und immer wieder begleitet, möchte ich mich – vorläufig – von euch verabschieden.

 

 

Seit ich mich vor einem halben Jahr zu diesem Schritt entschieden habe – entscheiden musste, habe ich Angst vor dieser Rede.

 

 

Es gibt Situationen im Leben, in denen Dir Dein Fundament wegbricht.

 

Es gibt Situationen, in denen Du feststellst, dass Du im Job, im Amt, das, was Du wolltest, so intensiv und ernst und engagiert gelebt hast, dass Du keine Kraft und Energie mehr für Deine Familie und Dich selbst gehabt hast.

 

Es gibt Situationen, in denen Du siehst, dass die Kinder, die gestern noch Babies waren, plötzlich als fast fremde 8-, 9- und 12jährige Kinder vor Dir stehen.

 

Und es gibt Situationen, in denen Du Konsequenzen ziehen musst.

 

 

Ich hätte so gerne noch so viel mit euch gemacht – ich erspare mir das Aufzählen, ich hab’s gestern in meine Eröffnungsrede reingepackt.

 

 

Aber ich bin, von einem Tag auf den anderen, in ein neues Amt sozusagen hineingeworfen worden, für das ich zwar gewählt war, bei dem ich die Wahl aber nie angenommen, geschweige denn: Gelebt habe. Ich muß und ich will mich jetzt um meine Familie kümmern.

 

 

Und deswegen trete ich jetzt zurück.

 

 

Mir hat dieser Job als euer Vorsitzender so unglaublich viel Spaß gemacht. Mir hat dieser Job so unglaublich viel gegeben. Und ich habe in diesem Job so unendlich viel gelernt.

 

 

Ich habe zum Beispiel gelernt, dass Du die Menschen nicht verändern kannst. Du kannst nur Dich selbst verändern – und anderen Menschen anbieten, ein Stück weit auf Deinem Weg mitzugehen, um sie dann, wenn sie es eine Weile tun, nach ihrem eigenen Willen wieder und weiter ziehen zu lassen.

 

 

Voraussetzung dafür ist, dass Du die Menschen ernst nimmst. Sie wertschätzt. Und sie so nimmst, wie sie sind.

 

 

Das war nicht immer einfach. Ich glaube manchmal, dass diese Partei ein Sammelbecken ist von Menschen mit, na, sagen wir, sehr bis extrem ausgeprägten Persönlichkeitsstrukturen. Und ich will mich da selbst gar nicht ausnehmen.

 

 

Diese Menschen sind aber wunder-bare Menschen, manchmal wunder-same Menschen, denn sie geben Dir viel mehr, als Du Ihnen geben kannst.

 

 

Das ist kein verklärter Blick zurück: Nicht alle Menschen, denen Du begegnest, liegen Dir. Aber auch die, mit denen Du nicht zurechtkommst oder die mit Dir nicht zurechtkommen, bringen Dich weiter.

 

 

Und nicht nur, weil es sich so gehört, sondern weil es mir ein ganz wichtiges Bedürfnis ist, möchte ich einzelnen Menschen besonders danken für den Weg, den wir gemeinsam gegangen sind, den ich gemeinsam mit ihnen gehen durfte.

 

 

Ich will mich zuerst bei Annette Schäfer bedanken. Persönlich und stellvertretend für diese wunderbar motivierte, wunderbar menschliche und wunderbar engagierte Mann- und Frauschaft in der Landesgeschäftsstelle. Danke, Annette – und Sue und Susanne und Andi und Stefan und Sabine. Ohne Euch hätten wir das nicht geschafft.

 

 

Ich will mich bedanken bei vielen Menschen, von denen ich mich getragen gefühlt habe, was bei fast zwei Zentnern ja nun auch nicht so ganz einfach ist. Danke, Daniela, Danke, Beate, Danke, Irmgard und Wolfgang, Frank-Ulrich und Eugen und Cai und die vielen anderen.

 

 

Bedanken will ich mich bei diesem Landesvorstand – stellvertretend für vier Landesvorstände. Es war wahrhaftig nicht immer einfach mit uns und zwischen uns. Letztlich aber haben uns auch die Auseinandersetzungen weitergebracht. Namentlich bedanken will ich mich bei Uli Sckerl – wir haben’s uns nicht leicht gemacht, gegenseitig. Aber einen Weg gefunden, der uns für das Gemeinsame zusammenarbeiten ließ.

 

 

Vier Frauen hat er verschlissen, der Braun – ich hoffe, dass das so nicht stimmt. Petra macht ja weiter. Und besonders liegt mir daran, mich bei Sylvia Kotting-Uhl zu bedanken – wir haben, glaube ich, gezeigt, dass sich Feuer und Wasser doch vertragen und sogar gemeinsam produktiv sein können.

 

 

Bedanken will ich mich bei den Mandatierten – stellvertretend für die Bundestagsabgeordneten bei Alex Bonde. Wir haben gut zusammengearbeitet. Stellvertretend für die Landtagsfraktion will ich Winfried Kretschmann danken – wie gerne hätte ich gemeinsam mit Dir diese Partei und diese Fraktion in die Regierungsverantwortung in Baden-Württemberg geführt. Laß uns, jeder an seinem Platz, weiter dafür arbeiten, dass dieser Traum Wirklichkeit wird!

 

 

Zum Schluß und als Schlusspunkt und sehr ernst gemeint will ich mich bei euch, stellvertretend für die fast 7000 Mitglieder, bedanken: Ich durfte in diesem Amt viel lernen. Von euch und mit euch. Ihr habt mir viele schöne, einige schwierige Zeiten verschafft. Dafür herzlichen Dank!

 

 

Abschied ist ein bisschen wie Sterben – ein bisschen, ja. Aber irgendwas von mir bleibt hier. Und viel von hier bleibt in mir drin.

 

 

Ich habe diese Abschiedsworte begonnen mit Konstantin Wecker, und ich beende sie mit ihm:

 

 

Liebes Leben – fang’ mich ein:

 

Halt mich an die Erde.

 

Kann doch, was ich bin, nur sein,

 

wenn ich es auch werde.

 

 

Gib mir Tränen, gib mir Mut –

 

Und von allem mehr.

 

Mach’ mich böse, mach’ mich gut –

 

Nur nie ungefähr.

 

 

Liebes Leben – abgemacht?

 

Darfst mir nicht verfliegen:

 

Hab’ noch so viel Mitternacht

 

Sprachlos vor mir liegen.