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Artikel vom 13.11.2006 aus SÜDWEST AKTIV

 

LANDESPARTEITAG / Delegierte wählen Daniel Mouratidis zu Andreas Brauns

Nachfolger

 

Ein 29-Jähriger führt die baden-württembergischen Grünen

 

Die Landes-Grünen haben einen neuen Vorsitzenden. Auf dem Parteitag wählten die Delegierten den 29-jährigen Daniel Mouratidis zu Andreas Brauns Nachfolger. Braun wurde von seinen Parteifreunden voller Wehmut verabschiedet. So manches Auge war feucht.

ANDREAS BÖHME
BAD KROZINGEN

Es sind die kleinen Dinge, die die große Seelenlage beschreiben. Auch bei den Grünen. Da steht ein bekennendes CDU-Mitglied vor der Delegiertenversammlung in Bad Krozingen, spricht sich für eine Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke aus. Vor zehn Jahren wäre der Mann ausgepfiffen worden - doch jetzt hockt die grüne Basis brav auf ihren Stühlen und lauscht dem schwarzen Öko-Experten aus dem Nachhaltigkeitsbeirat der Landesregierung. So viel Toleranz, so viel Öffnung hin zur Union ist ein Verdienst von Andreas Braun, der nach mehr als sieben Jahren die Führung der  baden-württembergischen Grünen abgibt.

Kein Landeschef war länger an der Spitze als der 42-Jährige, der sich aus familiären Gründen zurückzieht.

Besinnung auf die Kernkompetenz ist das Leitthema dieses Landesparteitags. Umweltthemen sind ja längst nicht mehr ein Alleinstellungsmerkmal der Ökos, aber, versichert der Bundestagsabgeordnete Winfried Hermann, "wir sind das Original". Das Thema hatte Braun noch vorgegeben: "Klimaschutz ist ein Überlebensthema für die Menschheit geworden." Fast einstimmig billigten die rund 200 Delegierten zwei Leitanträge zu einer Vielfalt ökologischer Themen, die unter anderem ein Tempolimit auf Autobahnen von 130 und Landstraßen von 90 Stundenkilometer fordern.

Gleichwohl halten große Themen die Südwestgrünen nicht davon ab, sich eine nicht enden wollende Klein-Klein-Debatte über die Trennung von Amt und Mandat zu liefern. "Lasst uns die Strukturen weiterentwickeln", hatte Braun gesagt, aber das wird ein Schneckengang. Zwar sind Parteiamt und Mandat auch weiterhin unvereinbar, als letzter Landesverband aber senken die Grünen zumindest die Bedingungen für Mitgliederentscheide deutlich ab.

Kann gut sein, dass der ewige Streit demnächst von der Mehrheit der realpolitischen Basis per Urabstimmung hinweggefegt wird.

Schwarz-Grün ist unter Braun möglicher denn je geworden, gleichwohl dämpft Petra Selg, die zweite Hälfte der Doppelspitze, die Erwartungen: "Farbspiele im Südwesten machen derzeit keinen Sinn." Klar, gewählt wird auch erst 2011. Die Grünen halten sich nach allen Seiten offen: Trotz aller Annäherung an die Union gebe man keine politischen Rabatte, und durch die Unvereinbarkeit vieler Positionen zwischen Grün und Schwarz entstehe noch lange "keine neue Liebe zur SPD", sagt Fritz Kuhn, Fraktionschef in Berlin. Braun sagts drastischer: Die Landes-SPD ist für ihn ein "zerstrittener und frustrierter Haufen mit der Strahlkraft einer abgelegten Wollsocke".

Keine Beerdigung

Szenen der Rührung schließlich zu Brauns Abschied. Stehender Applaus, erstickte Stimmen, feuchte Augen, als die Altersvorsitzende Irmgard Zecher Braun in seinen Anfangsjahren als "schlecht angezogen, aber liebenswürdig" schildert, als Sylvia Kotting-Uhl ihn einen "Leuchtturm unter den Grünen" nennt und Petra Selg schließlich mahnen muss: "Er wird verabschiedet, nicht beerdigt." Braun hat der Partei ein Gesicht gegeben, aber Winfried Kretschmanns verklausuliert vorgebrachter Vorstoß, den Parteivorsitz zu einem ordentlich bezahlten Hauptjob auszubauen, kommt für Braun zu spät.

Er will, er muss sich jetzt seiner Familie widmen, schließt eine Rückkehr in die Politik aber nicht kategorisch aus.

Nun führt, neben Petra Selg, der Deutsch-Grieche Daniel Mouratidis die Partei - zunächst für ein Jahr. Die Vorstellungsreden aller drei Kandidaten sind gleichermaßen schwach, doch der Vorstand hat den 29-jährigen Verwaltungswissenschaftler aus Backnang am Vorabend geimpft, damit der Wunschkandidat seine auch in den Gesten einstudierte Rede möglichst "unfallfrei" über die Rampe bringt. Erst seit sechs Jahren ist Mouratidis Parteimitglied, er kennt die Organisation aber über das Berliner  Bundestags-Wahlkampfbüro. Die Worte "wütend" und "empört" fließen ihm ein bisschen oft über die Lippen - aber es kommt eben nicht jeder als Vollprofi auf die Welt wie Andreas Braun.

Mouratidis erbt eine gut aufgestellte Partei, und das wahlfreie Jahr 2007 stellt den jungen Vorsitzenden kaum vor unlösbare Probleme. Mit 119 zu 85 Stimmen setzt er sich im zweiten Wahlgang gegen den türkischstämmigen Mehmet Kilic durch. Migrationshintergründe spielen keine Rolle mehr für Spitzenpositionen, die sind, so Fritz Kuhn, "bei uns selbstverständlich".

Überdies sei Mouratidis ein Garant dafür, "dass die baden-württembergischen Gene der Partei weitergetragen werden".
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