Schreiben von Andreas Braun an die Mitglieder des Landesverbandes Ba-Wü vom 12.5.2006
Liebe Freundinnen und Freunde,
hiermit möchte ich Euch mitteilen, dass ich auf unserer nächsten LDK im November in Bad
Krozingen vom Amt des Landesvorsitzenden von Bündnis 90/DIE GRÜNEN Baden-
Württemberg zurücktreten werde.
Ich mache diesen Schritt jetzt öffentlich, um möglichen Nachfolgern genügend Zeit zu geben,
sich in der Partei vorzustellen und bekannt zu machen.
Nach mehr als sieben Jahren im Amt und dreimaliger Wiederwahl fällt mir dieser Schritt alles
andere als leicht.
Er ist aber wohlüberlegt:
1. „My job is done" – Gemeinsam mit Euch habe ich in den vergangenen Jahren Tiefen
und Höhen erlebt. Die Höhen überwiegen im Rückblick. Und zuletzt unser furioser,
richtig guter, inhaltlich und organisatorisch perfekt durchgeführter und schließlich von
großem Erfolg gekrönter Landtagswahlkampf in diesem Jahr ist ein Highlight, das eigentlich
nicht mehr zu toppen ist. Ich kann mit einer für mich sauberen Bilanz gehen
und weiß, dass ich ein wenig dazu beitragen konnte, die Partei so zusammenzuhalten
und zu führen, dass dieser Erfolg wie auch die Erfolge bei den letzten Wahlen,
aber auch bei der gesamten Aufstellung der Partei, möglich war.
2. „Where is my family?" – Seit ziemlich genau 10 Jahren mache ich intensiv, zunächst
ehren- und dann hauptamtlich, grüne Politik und gestalte sie mit. In dieser Zeit habe
ich zwangsläufig meine Familie immer wieder sehr vernachlässigt, sie war eben einfach
„da" und, leider, allzu oft ein Termin unter vielen. Zumal es mir immer wichtig
war, neben der Politik auch noch in einem bürgerlichen Beruf zu arbeiten.
Ich möchte meine Familie neu kennen lernen, nachdem wir eine sehr schlimme und
Existenz bedrohende Krise miteinander durchzustehen hatten, und ich möchte mehr
Zeit für meine Familie haben. Dass sie mich noch nicht auf die Straße gesetzt hat bislang,
zählt für mich zu den Unglaublichkeiten des Lebens.
3. „No chance?" – Für mich war und ist es immer noch der Traumjob, Landesvorsitzender
unserer Partei zu sein. Wissend, dass es eine eher undankbare Aufgabe ist, mit
viel Arbeit und wenig Prestige, habe ich dort dennoch (oder gerade deshalb?) den Ort
gefunden, an dem ich meine Kompetenz und meine Fähigkeiten gut einsetzen konnte.
Entwicklungsmöglichkeiten allerdings sind mit diesem Amt, zumal, wenn man es
lange ausübt, eigentlich nicht verbunden. Stattdessen ist es manchmal schmerzhaft,
zu sehen, wie man selbst, bei allen Einschränkungen und unter schwierigen organisatorischen
und finanziellen Rahmenbedingungen, professionell Politik macht, und
dabei dann irgendwann links oder rechts oder wo auch immer von so genannten oder
selbst ernannten „Politprofis" belächelt, bedauert und oft als nützlicher Trottel angesehen
wird.
Das ist kein Ausstieg aus der Politik – im Gegenteil. Ich bleibe Euch und unserer Partei
selbstverständlich erhalten, werde mich – nach einer gewissen und auch notwendigen Ruhephase
- selbstverständlich weiter einmischen, was freier möglich sein wird, wenn ich nicht
mehr die Gesamtinteressen mit berücksichtigen muss. Und vielleicht packt's mich dann auch
mal wieder mit einem Amt oder einem Mandat.
Ich habe viel gelernt in den letzten Jahren und habe Euch und der Partei unendlich viel zu
verdanken. Ich kann aber auch ruhigen Gewissens sagen, dass ich alles gegeben habe. Und
es zumindest so gut gemacht habe, wie ich konnte.
Meinem Nachfolger wünsche ich all die vielen schönen Erfahrungen, die ich machen durfte –
und davon möglichst noch viel mehr.
Und viel weniger von den schlechten Erfahrungen, die ich machen musste. Und von den
Fehlern, die ich selbst gemacht habe.
Herzliche Grüße
Euer
Andreas Braun
Landesvorsitzender
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